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Das Leben mit einem Deprivationshund - wenn Stress & Angst zur Tagesordnung gehören

Es ist ein herrlicher Sommertag. Die Menschenmassen tummeln sich auf den Straßen, Kinder rennen und lachen und Hunde toben im Park. Was löst dieser Gedanke in Dir aus? Freude? Glück?

Für uns und unseren Tierschutzhund Carlos ist diese Vorstellung der pure Horror. Warum? Weil Carlos unter dem Deprivationssyndrom leidet und mit jeglichen Reizen im Alltag schlichtweg überfordert ist. Egal, ob Fußgänger, Fahrradfahrer, Jogger, LKWs oder Hunde - Carlos begegnet diesen Reizen immer mit einer ausgeprägten Angstaggression.

Dieser Beitrag wird Dich in die Welt eines Deprivationshundes entführen, Dir einerseits aufzeigen, wie wir das Deprivationssyndrom bei Carlos entdeckt haben und anderseits möchten wir Dir veranschaulichen, was es bedeutet, einen Hund zu haben, der auf alles und jeden aggressiv reagiert.

Die Diagnose "Deprivationssyndrom"

Die Diagnose „Deprivationssyndrom“ war für uns kein Schock, eher die langersehnte Antwort auf unsere vielen Fragen. Nach Carlos Ankunft im August letzten Jahres tappten wir fast 4 Monate völlig im Dunkeln. Wir hatten keine Ahnung, warum Carlos so reagierte und wie wir ihm helfen konnten. Alle Hundetrainer hatten uns damit vertröstet, dass Carlos einfach ein aggressiver Hund ist, der keinen Respekt vor uns habe und dem es an vernünftigem Umgang mangelte. Er sei ein Blender und sein Verhalten nur die Folge eines zu großen Selbstbewusstseins und die Folge von zu wenigen Regeln. Das Wort „Angst“ fiel in keiner einzigen Unterhaltung.

Unsere Tierärztin hatte uns im Dezember dann eine befreundete Tierärztin empfohlen, die sich auf die Verhaltensmedizin von Hunden spezialisiert hatte und gerade im Umgang mit Tierschutzhunden eine Koryphäe sei. Viel bildeten wir uns nicht darauf ein, weil wir erwarteten, dass es nichts weiter als leere Versprechen waren. Die Hundetrainer davor wurden auch in den höchsten Tönen gelobt und letztlich waren sie nichts weiter als eine reine Zeitverschwendung (und Geldverschwendung).

Doch diese Frau kratze nicht nur an der Oberfläche, sondern tauchte dank ihres umfangreichen Hintergrundwissens tief in das Verhalten und die Psychologie von Carlos ein. Die Diagnose „Deprivationssyndrom“ fiel dabei recht schnell. Übrigens ist dieses Syndrom sehr typisch für Tierschutzhunde.

Unter dem Deprivationssyndrom versteht man eine Entwicklungsstörung beim Hund, die aufgrund fehlender Reize im prägenden Welpenalter auftritt. Der Hund war in dieser Prägephase keinen bis wenigen entwicklungsnotwendigen Reizen ausgesetzt, wodurch sich das Gehirn nicht optimal entwickeln konnte. Dadurch hat er nicht gelernt, dass verschiedene Umwelt- und Sozialreize keine Bedrohung für ihn darstellen. Die Deprivationsschäden können je nach Schweregrad ein Leben lang bestehen.

Die Ärztin diagnostizierte bei Carlos ein „Teil-Deprivationssyndrom“, das ein Potenzial für ein wertvolles und irgendwann einigermaßen stressfreies Leben sowohl für Carlos als auch für uns versprach. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Der Deprivationshund ist los - Ein Spaziergang

Doch wie zeigt sich das Deprivationssyndrom ganz genau im Alltag? Und wie sieht dabei unser Training aus?

Das Deprivationssyndrom ist je nach Hund unterschiedlich sichtbar. Mit dem Mangel an „Erfahrungen“ bzw. Reizen geht jeder Hund auf seine Weise um. Unser Carlos reagiert auf alles, was ihm zu nahe kommt, mit Aggression. Er bellt, springt in die Leine, stellt seinen Kamm auf und zeigt sehr deutlich ein Drohverhalten.

Für Außenstehende mag es unmöglich klingen, aber unser primärer Ansatz war und ist es, allen Reizen aus dem Weg zu gehen. Wie das an einem herrlichen, belebten Sommertag funktionieren soll, erfordert ein wenig Organisation und Flexibilität.

Daher wird es Dich nicht wundern, dass unsere Freude groß ist, wenn es regnet oder hagelt - umso schlechter das Wetter, desto besser ist es für uns, da zu diesem Zeitpunkt die wenigsten Menschen, Hunde etc. unterwegs sind.

Unsere Gassirunden beginnen schon in der Wohnung, bevor wir die Haustür überhaupt öffnen. Denn es wäre wirklich fahrlässig, diese einfach aufzureißen und feuchtfröhlich hinauszutreten. Daher prüfen wir im Vorfeld, ob die Luft rein ist. Erst dann verlassen wir das Haus.

Vor jeder Ecke / Kreuzung geht einer von uns vor und sichtet auch hier die Lage und hält Rücksprache mit demjenigen, der Carlos führt. Und so arbeiten wir uns Stück für Stück auf unseren Runden voran - in der Hoffnung, nicht allzu vielen Reizen zu begegnen und die Runde positiv abschließen zu können.

Wenn ein Reiz auftaucht, heißt es: Beobachten, einschätzen und handeln. In den letzten 10 Monaten haben wir ein gutes Gefühl dafür entwickelt, die Signale von anderen Menschen zu deuten, d.h. in welche Richtung werden sie gehen und haben sie vielleicht auch einen Hund dabei. Wenn Letzteres zutrifft, müssen wir blitzschnell handeln und das Weite suchen, denn umso größer die Distanz, desto besser.

Ein elementarer Bestandteil unseres Trainings sind jedoch die Zeiten, zu denen wir Gassi gehen:

Morgens6:30/7:00 Uhr
Mittags11 Uhr
Abends18.30/19:00 Uhr

Mittags gehen wir bereits um 11 Uhr, um die große Welle gegen 12/13 Uhr zu vermeiden. Morgens sind wir gegen 6:30/7:00 Uhr unterwegs, um einerseits die Hundebesitzer ab 8/8:30 Uhr zu umgehen und andererseits den Berufsverkehr zu vermeiden, der meist viele LKWs, Motorräder und auch Fahrräder enthält. Gegen 7 Uhr treffen wir leider meist auf Kinder, die mit dem Fahrrad zur Schule fahren. Da müssen wir dann leider in den sauren Apfel beißen, da Hunde für uns ein größeres Problem darstellen, als Fahrräder. Abends sind wir gegen 18:30/ 19:00 Uhr unterwegs. Der Berufsverkehr ist da meistens schon weitestgehend abgeklungen. Je nach Wetterlage sind abends aber trotzdem noch viele Menschen & Hunde unterwegs. Alles und jeden können wir dann aber trotzdem nicht vermeiden (leider).

Weiterhin sind die Orte entscheidend. Parks, Innenstädte oder Wohngebiete sind für uns absolut keine Option. Hier besteht meist zu wenig Ausweichmöglichkeit und die Streckenabschnitte sind zu voll und zu schlecht einsehbar. Daher sind wir im Wald zuhause. Hier kommt Carlos auch schön zur Ruhe und sollte eine Begegnung unvermeidbar sein, können wir immer noch rechts oder links in den Wald ausweichen.

Das Training mit einem Deprivationshund

Ich sehe es förmlich vor mir: Deine vielen Fragezeichen. Aber wie soll Carlos denn Begegnungen lernen, wenn ihr immer ausweicht? Wie soll er sich daran gewöhnen?

Absolut berechtigte Fragen. Allerdings solltest Du wissen, dass jeder Hund eine sogenannte kritische Distanz hat, in der es für ihn erträglich ist, andere Reize zu dulden. Und diese Distanz ist bei uns je nach Reiz sehr groß. Bei einzelnen Menschen reicht es manchmal, die Straßenseite zu wechseln. Bei Hunden reicht das jedoch nicht.

Ziel unseres Trainings ist es, die Entfernung immer weiter zu verkleinern, bis ein Vorbeigehen auf geringer Distanz möglich ist. Aber dieser Prozess braucht unglaublich viel Zeit und Geduld. Carlos muss lernen, dass er uns vertrauen kann und wir die Sache für ihn regeln. Aber auch das passiert nicht von heute auf morgen. Carlos ist wahrscheinlich auf der Straße groß geworden, hat gelernt, dass er auf sich selbst angewiesen ist und sich selber verteidigen muss. Verständlich, dass sich diese Denkweise in ihn eingebrannt hat, oder?

Bei Carlos reicht es auch nicht, sich mit ihm auf eine Parkbank zu setzen und ihn einfach in Ruhe alle Menschen, Hunde etc. anschauen zu lassen. Er gerät sehr schnell in Stress, fühlt sich verpflichtet dazu, jeden Reiz anzubellen und mit einer aggressiven Körperhaltung zu untermauern, dass er das nicht möchte und der Reiz lieber das Weite suchen sollte. Dieses Vorgehen bringt nichts und wäre für unser Training nur kontraproduktiv.

Wie gehen wir also vor? Gemeinsam mit unserer Trainerin haben wir die Futtertube in unser Training etabliert, die seit Dezember einen unverzichtbareren Stellenwert eingenommen hat. Sie hat uns in den letzten 5 Monaten schon durch unglaublich viele Situationen geholfen, weshalb wir auf sie nicht mehr verzichten wollen.

Durch die Futtertube hat Carlos während des Reizes eine Aufgabe, auf die er sich konzentrieren kann. Das Schlecken ist jedoch nicht nur ein netter Zeitvertreib, sondern auch ein echtes Glückserlebnis. Warum? Weil beim Schlecken Endorphine (= Glückshormone) im Gehirn freigesetzt werden, die für ein Glücksgefühl sorgen. Somit werden in Carlos Körper nicht nur Stresshormone ausgeschüttet, sondern auch jede Menge Glückshormone, die ihn im Abbau seines Stresslevel unterstützen sollen.

Unser Training besteht somit darin, sobald ein Reiz auftaucht, in erster Linie für eine ausreichende Distanz zu sorgen und dann Carlos an der Futtertube schlecken zu lassen, bis der Reiz verschwunden ist. Erst, wenn Carlos wieder etwas zur Ruhe gekommen ist, kann die Runde fortgesetzt werden.

Das riecht nach Stress - warum der Geruch für Carlos schlimmer ist, als der Anblick selbst

Leider ist der Stress nicht vorbei, sobald der Reiz außer Sichtweite ist, denn: Carlos reagiert auch unglaublich stark auf den Geruch des Reizes, besonders bei Hunden. Sobald wir in der Spur des Hundes sind, hat Carlos Stresslevel sein Maximum erreicht. Für ihn sind die Gerüche mancher Hunde & Menschen tatsächlich schlimmer, als der Anblick selbst.

Deshalb trainieren wir neben der Futtertube auch noch mit der Schnüffelbox. Falls Dich dieses Training näher interessiert, kannst Du gerne mal bei diesem Blogbeitrag vorbeischauen. Dort erfährst Du alles über den Geruchssinn von Hunden und wie wir die Schnüffelbox, die es übrigens auch bei uns im Shop zu kaufen gibt, in unseren Alltag integrieren.

Die Folgen des Deprivationssyndroms außerhalb der Gassirunden

Was das Deprivationssyndrom für unsere Gassirunden bedeutet, weißt Du nun. Aber was bedeutet das für die restlichen Bereiche des Lebens & Alltags?

Zu Besuch sein und Besuch bekommen ist ein echter Kraftakt. Carlos ist ein Kontrollfreak, kommt sehr schlecht zur Ruhe und hat immer das Bedürfnis, alles kontrollieren und regeln zu müssen. Deshalb halten wir Treffen mit Familien & Freunden so kurz wie möglich.

In den Urlaub fahren, ins Café gehen oder im Park auf einer Decke sitzen: Alles aktuell nicht machbar. Neue Umgebungen stressen Carlos - nicht zuletzt wegen den vielen neuen Gerüchen. Deshalb gehen wir sehr oft immer und immer wieder die gleichen Strecken, bis er sich an diese gewöhnt hat. Erst dann wagen wir uns an eine neue Umgebung.

Ein Deprivationshund zu haben ist eine große Verantwortung und diese gilt es nicht zu unterschätzen. Bevor wir die Diagnose bekommen und somit einen fundierten Trainingsansatz erhalten haben, haben wir einiges an Lebensqualität und Lebensfreude verloren. Das muss man leider so sagen.

Stress steht auf der Tagesordnung. Du musst flexibel sein, bereit sein, deine Bedürfnisse zurückzustellen, um Tag und Nacht das Schutzschild Deines Hundes sein zu können. Du wirst Geduld brauchen, denn das Deprivationssyndrom fordert Dich jeden Tag neu heraus. Dein Leben wird sich ändern - Deine Prioritäten gleich mit. Du wirst oft zweifeln und frustriert sein, musst aber immer wieder neuen Optimismus schöpfen können, um weiterzumachen.

Seit fast einem Jahr sind wir nun Besitzer eines Deprivationshundes. Haben viel Traurigkeit, aber auch viele schöne Momente erlebt und unser Schicksal akzeptiert. Es ist und bleibt eine Herausforderung. Aber man wächst mit seinen Aufgaben. Mittlerweile sind wir ein eingespieltes Team und wissen was in den verschiedenen Situationen zu tun ist, um Carlos so stressfrei wie möglich durch die Hürden des Alltags zu manövrieren.

Wir wüssten nicht, wo wir heute sein würden, wenn wir unsere tolle Trainerin nicht gefunden hätten. Sie hat uns dreien so viel Lebensqualität zurückgegeben, wofür ihr unheimlich dankbar sind. Denn eins ist sicher: Ohne sie hätten wir den Kampf gegen das Deprivationssyndrom wahrscheinlich schon verloren, bevor er überhaupt begonnen hat.