Autofahren mit reaktivem Hund: Unser Weg von „unmöglich“ zu „machbar“
Mit seinem Hund Auto zu fahren, ist für viele Hundebesitzer:innen ein ganz normaler Teil des Alltags. Ob zum Spaziergang, zum Tierarzt oder auf Reisen: Ins Auto einsteigen, losfahren, ankommen.
Doch was ist, wenn genau das nicht so einfach funktioniert? Wenn der Hund beim Autofahren bellt, zittert, speichelt – und irgendwann gar nicht mehr ins Auto einsteigt? Genau davon möchten wir dir im Folgenden erzählen. Denn auf unseren unsicheren, reizoffenen Tierschutzhund Carlos trifft all das zu.
In diesem Beitrag nehmen wir dich mit auf unseren ganz persönlichen Weg: Von der ersten Autofahrt nach der Abholung, über viele Stolpersteine und Fehlversuche, bis zu dem Punkt, an dem Autofahren heute für uns (wieder) möglich ist.
Die erste Autofahrt
Als wir am 29.08.2020 die rund 150 km zum Übergabeort fuhren, ahnten wir nicht, dass das unsere letzte entspannte Autofahrt für die nächsten Jahre sein würde. Aufgeregt warteten wir auf die Ankunft des Transporters, in dem Carlos seine Reise von Portugal nach Deutschland angetreten hatte. Statt eines einstündigen Fluges war er über 27 Stunden unterwegs gewesen, da während der Corona-Pandemie alle Flüge gestrichen wurden.
Während manche Tierschutzorganisationen ihre Hunde in einer Transportbox übergeben, bekamen wir unser kleines Würmchen ohne Box. Bereits vor der Abholung hatten wir uns intensiv mit dem Thema Transport und Sicherheit im Auto beschäftigt, Boxen angeschaut und Bewertungen gelesen. Am Ende entschieden wir uns jedoch, die Box erst nach Carlos’ Einzug zu kaufen. Über seine tatsächliche Größe wussten wir kaum etwas – und bei einer so großen Investition wollten wir nichts überstürzen.
Als Carlos uns schließlich überreicht wurde, zeigte sich schnell, dass er deutlich kleiner, dünner und länger war, als wir erwartet hatten.
Für die Heimfahrt hatten wir ihm im Kofferraum ein gemütliches Plätzchen vorbereitet. Gesichert war er mit einem Anbindegurt am Sicherheitsgeschirr, zusätzlich hatten wir ein Gepäcknetz zwischen Rückbank und Kofferraum angebracht – für den Fall der Fälle.
Dass Autofahren für Carlos ein Problem werden könnte, war uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Erst als wir den Übergabeort verließen, begann nicht nur eines der aufregendsten Kapitel unseres bisherigen Lebens, sondern auch der Startschuss für ein langes, intensives Trainingsthema: Autofahren mit Hund.
Denn innerhalb weniger Minuten hatte Carlos sämtliche Sicherungen im Kofferraum zerstört – zuerst den Anbindegurt, dann die zusätzlichen Leinen und schließlich auch das Gepäcknetz. Dabei schaffte er es sogar, sich aus seinem Sicherheitsgeschirr zu befreien.
Wir waren noch nicht einmal zu Hause angekommen – und bereits völlig überfordert.
Die Transportbox: Sicherheit ja – Lösung nein
Nach dieser ersten Autofahrt war für uns schnell klar: So konnten und wollten wir nicht weitermachen. Bevor wir wieder mit Carlos Auto fahren würden, brauchten wir eine sichere Lösung. Alles andere war für ihn – und für uns – viel zu gefährlich.
Wir entschieden uns daher, so schnell wie möglich die im Vorfeld ausgesuchte Transportbox zu bestellen. Bis sie da war, verzichteten wir komplett auf Autofahrten. Als die Box schließlich ankam, waren wir immerhin nicht so naiv, sie sofort ins Auto zu stellen, sondern Carlos zunächst zu Hause behutsam an sie heranzuführen. Er sollte die Box zwanglos kennenlernen, darin liegen können und erste positive Erfahrungen sammeln.
Mit dem Wissen von heute würden wir diesen Schritt jedoch ganz anders angehen. Wir haben die Box zwar nicht negativ verknüpft, sie aber viel zu kurz antrainiert. Es entstand weder echte Sicherheit noch ein Generalisierungseffekt.
Das zeigte sich bereits bei der ersten Autofahrt mit der Box. Zwar war nun für seine und unsere Sicherheit gesorgt, das eigentliche Problem blieb jedoch bestehen. Carlos bellte nun einfach aus der Box heraus und versuchte sich sogar trotz dicker Aluminiumstäbe aus der Box zu befreien.
Jede Autofahrt wurde fortan zu einer absoluten Zerreißprobe – für Carlos und für uns.

Autofahren mit Hund: Diese Tipps haben uns nicht geholfen
Mit dem Thema Autofahren kamen auch viele gut gemeinte Tipps von außen. Hinweise, die auf den ersten Blick logisch klangen und uns Hoffnung machten, dass wir vielleicht doch schneller als gedacht entspannt Auto fahren konnten.
#1 Für Abkühlung sorgen
Eine erste Vermutung war, dass es Carlos im Auto einfach zu warm sei – insbesondere im Kofferraum. Uns wurde geraten, für zusätzliche Abkühlung zu sorgen, zum Beispiel mit einem kleinen Ventilator oder einer speziellen Kühlmatte.
#2 Eine bessere Liegeposition ermöglichen
Ein weiterer Tipp war, Carlos in der Box eine Möglichkeit zu geben, seinen Kopf abzulegen. Dafür legten wir zusammengerollte Handtücher an den Rand der Box, um ihm eine bequemere Position zu schaffen. In der Praxis legte sich Carlos jedoch nie hin, sodass dieser Ansatz keine Entlastung brachte.
#3 Box abdecken
Da Carlos alles anbellte, was er sah, wurde uns empfohlen, die Box teilweise abzudecken. Die Annahme war, dass weniger visuelle Reize automatisch zu mehr Ruhe führen würden. Für Carlos hatte das jedoch den gegenteiligen Effekt: Er wirkte noch verunsicherter, als ihm plötzlich die Orientierung fehlte.
#4 Nur zu schönen Orte fahren
Einer der am häufigsten genannten Tipps war, ausschließlich zu positiven Zielen zu fahren. Carlos sollte lernen, dass Autofahren nichts Schlimmes bedeutet und immer etwas Angenehmes folgt. Für uns stellte sich jedoch heraus, dass genau dieser Ansatz das Problem eher verstärkte. Die Autofahrten blieb extrem stressig – und führte letztlich dazu, dass Carlos irgendwann gar nicht mehr ins Auto einsteigen wollte.
Wir haben all diese Tipps und noch so viel mehr ausprobiert – mehrfach und über einen längeren Zeitraum. Doch nichts davon führte zu einer spürbaren Verbesserung. Im Gegenteil: Die Autofahrten blieb extrem herausfordernd. Carlos schrie während der gesamten Fahrt und kam nicht eine Sekunde zur Ruhe.
Auch mit der Zeit wurde das Thema Autofahren nicht besser, sondern immer schwieriger. Irgendwann stieg Carlos gar nicht mehr ins Auto ein. Wir mussten das Auto somit stehen lassen und alles zu Fuß erledigen – vom normalen Spaziergang bis hin zum Tierarztbesuch.
Rückblickend war das eine unglaublich kräftezehrende und herausfordernde Zeit – nicht zuletzt, weil Carlos aufgrund seines Deprivationssyndroms auch in vielen anderen Bereichen des Alltags große Unsicherheiten und Angstaggressionen zeigte.
(K)ein richtiges Setting für das Autofahrtraining
Je mehr Zeit verging, desto klarer wurde uns, dass wir einen anderen Umgang mit dem Thema brauchen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass wir dafür schlicht kein geeignetes Setting hatten.
Wir haben keinen festen Stellplatz direkt am Haus. Unser Auto steht auf einem großen Parkplatz, auf dem jederzeit andere Menschen, Hunde und Fahrzeuge unterwegs sind. Bereits der Weg zum Auto war für uns oft ein Spießrutenlauf – an effektives Training war in diesem Zustand kaum zu denken.
Autofahren mit Hund neu gedacht
Also konzentrierten wir uns auf vorrangig auf die Möglichkeiten im Auto. Im Austausch mit verschiedenen Hundetrainer:innen wurden wir kreativ und probierten unterschiedliche Plätze im Auto aus – von der Rückbank bis hin zum Fußraum.
Im Fußraum beim Beifahrer kam Carlos das erste Mal wirklich zur Ruhe. Abgeschottet von Außenreizen und näher bei uns war Autofahren unter diesen Bedingungen erstmals machbar. Verkehrstechnisch war das nicht ideal - auch wenn Carlos gesichert war – aber es war für uns die einzige Möglichkeit, kurze Strecken ohne Dauergebell zu fahren und überhaupt positive Erfahrungen im Auto zu sammeln.

Neues Auto – alles wieder auf Anfang
Carlos fuhr lange Zeit im Fußraum mit und stieg so auch gerne ins Auto ein. Es war für uns eine gute Zwischenlösung, auf der wir weiter aufbauen konnten. Doch dann gint erst Nikolas’ Auto kaputt und kurz darauf auch Lisas. Mit dem neuen Auto waren die mühsam erarbeiteten Safe Spaces plötzlich verschwunden und neue Unsicherheiten & Herausforderungen zeigten sich.
Der Fußraum war kleiner, der Beifahrersitz höher, alles fühlte sich wieder unsicher an. Wir konnten nicht an unsere Fortschritte anknüpfen und mussten erneut umdenken.
Zu diesem Zeitpunkt hatten wir jedoch bereits große Fortschritte auf unseren Gassirunden gemacht. Carlos’ Individualdistanz hatte sich deutlich verkleinert und viele Reize lösten nicht mehr die blanke Panik bei ihm aus. Dadurch ergaben sich neue Möglichkeiten für uns im Autotraining.
Ende 2023 wurde die Rückbank wieder eine Option. Einer von uns saß stets neben Carlos, unterstützte ihn aktiv im Stressmanagement, sodass tatsächlich teilweise etwas Ruhe einkehrte. Wir konnten unsere Fahrzeit auf etwa eine Stunde ausbauen – ein Schritt, der uns enorm viel Lebensqualität zurückgab.


Die erste Fahrt in den Urlaub
Nach fünf Jahren mit Carlos fühlten wir uns 2025 erstmals bereit, mit ihm in den Urlaub zu fahren. Die Suche nach einer ruhigen Unterkunft in unserem begrenzten Radius war nicht einfach – aber wir wurden fündig. Dass wir diesen Schritt gehen konnten, war für uns ein riesiger Meilenstein. Trotz aller Rückschläge, Umwege und Zweifel.
Mehr über unseren allersten Urlaub mit reaktivem Hund erfährst Du hier:
Autofahren heute – ein Stück Alltag zurück
Heute sind Autofahrten mit Carlos immer noch nicht selbstverständlich. Aber wenn sein Stressglas es zulässt, kann er uns inzwischen auch bei ganz normalen Stationen des Alltags begleiten. Kleine Fahrten zur Tankstelle, zum Eierautomaten oder zur Packstation sind für ihn möglich – nicht immer, nicht jederzeit, aber immer öfter.
Gerade diese unspektakulären Wege bedeuten für uns unglaublich viel. Sie geben uns ein Stück Normalität zurück und machen uns flexibel im Alltag - etwas, das lange nicht möglich war. Es ist einfach schön, Carlos bei solchen kleinen Erledigungen dabeizuhaben.


Autofahren mit Hund – unser Fazit
Mit Carlos Auto zu fahren war und ist für uns ein sehr langer Prozess. Wir haben zwar von Anfang an daran gearbeitet, vieles ausprobiert und mussten trotzdem akzeptieren, dass manche Prozesse Zeit brauchen – manchmal sehr viel Zeit.
Die Transportbox aus der Anfangszeit haben wir übrigens immer noch. Und natürlich wünschen wir uns, dass Carlos vielleicht irgendwann einmal stressfrei darin mitfahren kann. Ob und wann das der Fall sein wird, wissen wir nicht. Das ist Zukunftsmusik.
Wir sind auf jeder einzelnen Fahrt so dankbar für das, was inzwischen möglich ist. Auch wenn wir nach wie vor kein weite Strecken mit ihm fahren können, viel Management brauchen und Carlos aufmerksam begleiten müssen – wir können mit ihm Auto fahren. Und das ist für uns ein enormer Gewinn an Lebensqualität.
Wir werden auch in Zukunft weiter daran arbeiten, dass Carlos das Trauma seiner über 27-stündigen Fahrt im Transporter irgendwann besser verarbeiten kann. Ohne Druck, ohne feste Erwartungen, in seinem Tempo.
Wenn Autofahren mit deinem Hund ebenfalls schwierig ist, fühl dich an dieser Stelle einmal fest gedrückt. Du bist nicht allein. Wir wissen, wie belastend dieses Thema sein kann, und hoffen, dass dir dieser Beitrag Mut macht und zeigt: Aus unmöglich kann irgendwann machbar werden.

Wer schreibt?
Hi, wir sind Nikolas & Lisa und gemeinsam mit unserem Tierschutzhund Carlos haben wir 2021 rabaukenglück gegründet. Auf Instagram und in unserem Podcast „rabauken Radau“ lassen wir andere Hundebesitzer offen & ehrlich an unserem Leben mit Carlos teilhaben und geben hilfreiche Tipps & Reminder für einen positiven & achtsamen Alltag mit Hund.
Noch mehr aus unseren Alltag mit reaktivem Hund findest Du hier:
Reaktiver Hund: Was das bedeutet – und warum Du nicht allein bist
25.04.2025
Was tun, wenn der eigene Hund stark auf Reize reagiert und der Alltag zur Belastung wird? In diesem Beitrag sprechen wir offen über das Leben mit einem reaktiven Hund, unsere Erfahrungen mit Carlos und und warum hinter dem „lauten Verhalten“ oft leise Bedürfnisse stecken. Für alle, die sich weniger allein fühlen wollen.

Hoodie "Bitte Abstand halten" - Hund im Training
55,00 €
Warum laute Hunde bei leisen Menschen landen
26.07.2025
Ein persönlicher Einblick in das Zusammenleben mit einem lauten, reaktiven Hund und warum gerade leise Menschen oft genau die richtigen Begleiter sind.

T-Shirt "Reactive dogs are good dogs"
20,00 €

#1 Unsere Geschichte | Das sind wir

Turnbeutel "Bitte Abstand halten"
14,50 €
Das Leben mit einem Deprivationshund - wenn Stress & Angst zur Tagesordnung gehören
31.12.2024
Dieser Beitrag wird Dich in die Welt eines Deprivationshundes entführen, Dir einerseits aufzeigen, wie wir das Deprivationssyndrom bei Carlos entdeckt haben und anderseits zeigen wir Dir, was es bedeutet, einen Hund zu haben, der auf alles und jeden aggressiv reagiert.

#12 Selbstständig mit reaktivem Hund [mit Sonja Rupp]